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Lesespiele mit Elfe und Mathis - Evaluation


Der folgende Text ist ein Auszug aus einem größeren Kapitel, das an folgender Stelle erscheinen wird:

Lenhard, W. & Lenhard, A. (2016). Evidenzbasierte Förderung schulischer Fertigkeiten am Computer: Lernspiele mit Elfe und Mathis. In W. Schneider & M. Hasselhorn (Hrsg.), Jahrbuch der pädagogisch-psychologischen Diagnostik: Tests und Trends 2016. Göttingen: Hogrefe.



Das Programm "Lesespiele mit Elfe und Mathis" (A. Lenhard, Lenhard & P. Küspert, 2015), stellt eine grundlegend überarbeitete und erweiterte Fassung des ELFE-Trainings (W. Lenhard & Lenhard, 2006) dar und zielt auf das Einüben von Leseprozessen unterschiedlicher Komplexität ab.

Inhalt und Aufbau

Der Aufbau der Lesespiele orientiert sich an der linguistischen Komplexität sprachlichen Materials und umfasst die Inhaltsbereiche "Laute und Silben", "Wörter", "Sätze" sowie "Texte und Strategien". Außerdem enthält das Programm zusätzlich einen gesonderten therapeutischen Bereich, der helfen soll, die Leseleistung von Kindern in einem Individualsetting zu überprüfen und zu fördern. Jeder Inhaltsbereich umfasst fünf verschiedene Übungen, die von uns anhand von Ergebnissen der Interventionsforschung im Lesebereich konzipiert wurden (vgl. Tab. 5). Die Inhaltsbereiche werden sequenziell durchlaufen, innerhalb jedes Bereichs existieren wiederum drei verschiedene Schwierigkeitsstufen.


Tabelle 5
Inhaltsbereiche und Übungen der Lesespiele mit Elfe und Mathis

InhaltsbereichÜbungen
Laute und Silben
  • Anlauterkennung und Buchstaben-Laut-Zuordnung bei realen Wörtern und Pseudowörtern
  • Zuordnung von Graphemen und Silben
  • Silbensynthese
  • Reimaufgaben
Wörter
  • Wort-Bild-Zuordnung
  • Ganzworterkennung durch zeitbegrenzte Darbietung
  • Morpheme
  • Identifikation sublexikalischer Einheiten (z. B. häufige Buchstabenkombinationen) in Wörtern
  • Silbenanalyse
Sätze
  • Rekonstruktion der Wortreihenfolge ("Satzpuzzle")
  • Syntaktisches Parsing
  • Sätze ergänzen
  • Bild-Satz-Zuordnung
  • Identifikation von Lesefehlern
Texte und Strategien
  • Lückentexte
  • Leseverständnisfragen
  • Erkennung unpassender Wörter (phonemisch)
  • Erkennung unpassender Wörter (semantisch)
  • Hauptgedanken identifizieren
therapeutischer Bereich
  • Graphem-Phonem-Korrespondenzen
  • Morphemtraining: häufig vorkommende Präfixe, Substantiv-Suffixe, Adjektiv-Suffixe
  • Häufigste Wörter der deutschen Sprache


Als Rahmenhandlung dient eine Geheimmission zur Rückeroberung eines gestohlenen Zauberbuchs, das in der obersten Etage einer Bibliothek liegt. Die Übungen werden optisch in einem 2D-Labyrinth ("Bücherlabyrinth") als Edelsteine repräsentiert, die von den Kindern eingesammelt werden müssen. Erst wenn alle Edelsteine einer Schwierigkeitsstufe erworben wurden, kann im Labyrinth eine Tür geöffnet werden, die den Zugang zur nächsten Schwierigkeitsstufe ermöglicht. Wurden alle Übungen eines Inhaltsbereichs absolviert, so kann ein Portal aufgeschlossen werden, das die Treppe zum nächsten Stockwerk freigibt (siehe Abb. 5).



Abbildung 5: Darstellungsbeispiele aus den Lesespielen mit Elfe und Mathis. Die Übungen sind in einem 2D-Labyrinth angeordnet und in Inhaltsbereiche ("Stockwerke") gruppiert.


Der therapeutische Bereich ist aus dieser Rahmenhandlung ausgekoppelt: Mittels der dortigen Übungen kann in der vertieften Einzelförderung die Erkennung von Graphemen, Prä- und Suffixen sowie Wörtern diagnostiziert und geübt werden.



Empirische Befunde

Die Evaluation der Lesespiele erfolgte im Schuljahr 2013/2014 als Prä-Post-Vergleich im Kontrollgruppendesign. Während die Kinder der Experimentalgruppe am Computer arbeiteten, nahmen die Personen der Kontrollgruppe am normalen Schulunterricht teil und durchliefen die reguläre Leseförderung, die unter anderem auch Intensivierungskurse und Förderung in Kleingruppen beinhaltete. In etwa der Hälfte der Fälle wurden die Kinder der Klassen echt experimentell und randomisiert auf Experimentalgruppe und Kontrollgruppe aufgeteilt, in den anderen Fällen erfolgte eine quasi-experimentelle Zuweisung ganzer Schulklassen zu einem Training. Die Hauptstichprobe bildete die zweite bis vierte Klassen der Regelschule, mit einem Schwerpunkt der Teilnehmerzahlen in der zweiten und dritten Jahrgangsstufe. Neben dieser Hauptuntersuchung gab es weiterführende Studien in der ersten Klasse und im Förderschulbereich. Insgesamt nahmen 408 Kinder an den Untersuchungen teil, darunter 303 Zweit- bis Viertklässler, deren Ergebnisse im Folgenden analysiert werden. Weder Geschlechterverteilung noch die Verteilung der Familiensprache unterschieden sich signifikant zwischen Kontroll- und Experimentalgruppe, sodass diese Effekte in der Folge nicht weiter berücksichtigt werden. In der Kontroll- sowie in der Experimentalgruppe nahmen jeweils neun verschiedene Gruppen teil. Wie bei den Rechenspielen erstreckte sich die Intervention über 10 Trainingssitzungen, an denen die Kinder mindestens acht Mal teilgenommen haben mussten, um in die weitere Datenanalyse aufgenommen zu werden. Die Festsetzung der relativ geringen Anzahl an Trainingssitzungen war rein praktischen Gründen geschuldet. In der Folge erreichten viele Kinder nicht den letzten Inhaltsbereich "Texte und Strategien", wohingegen die Bereiche "Laute und Silben" sowie "Wörter" und "Sätze" in der Regel vollständig durchlaufen wurden. Die Kinder arbeiteten auch hier wieder in Paaren oder kleinen Gruppen. Nach Ausschluss unvollständiger Fälle verblieben insgesamt 153 Kinder in der Kontroll- und 137 Kinder in der Experimentalgruppe. 13 Kinder fehlten entweder während der Intervention zu häufig oder waren bei einer der Testungen nicht anwesend.

Zur Erfassung der Effekte kam der Lesetest ELFE 1-6 (W. Lenhard & Schneider, 2006) zum Einsatz, der das Leseverständnis auf Wort-, Satz- und Textebene erfasst. Zwar ist die Grobstruktur des Tests ähnlich konzipiert wie das Trainingsprogramm, jedoch gibt es im Aufgabenmaterial keine Überlappungen. Da die Aufgaben des Tests für alle Kinder der Grundschule identisch sind, wurden aus der Prä- und Postmessung Folgedifferenzen der Testrohwerte berechnet und multivariat ausgewertet. Die Hypothesentestung erfolgte einseitig auf einem Signifikanzniveau von ? = .05. Die Klassenstufe wurde als unabhängige Variable berücksichtigt. Da bei einigen Untersuchungsgruppen das Training durch Oster- oder Pfingstferien unterbrochen war, wurde zudem die Zeit zwischen Prä- und Postmessung als Kovariate berücksichtigt.

Sowohl der Haupteffekt der Gruppe war signifikant, F(3, 281) = 3.755, p < .01, als auch die Interaktion zwischen Gruppe und Klassenstufe, F(6, 564) = 1.897, p <. 05, was auf einen sich ändernden Fördereffekt über die Klassenstufen hinweg hinweist. Der Effekt der Förderung, gemessen über die Folgedifferenzen der Untertestergebnisse in ELFE 1-6 liegt mit dCohen = .40 im mittleren Bereich. Dieser Effekt war v. a. auf eine verbesserte Testleistung im Wortuntertest, F(1, 283) = 10.50, p < .001 und Satzuntertest, F(1, 283) = 3.47, p < .05, zurückzuführen, wohingegen der Gruppenunterschied im Textverständnistest nicht signifikant war. Die signifikante Interaktion war vor allem durch die Leistungen der Viertklässler im Textverständnistest bedingt, bei denen rein deskriptiv die Kontrollgruppe etwas stärkere Verbesserungen zeigte. In allen anderen Kombinationen aus Jahrgangsstufe und Untertest war dagegen die Experimentalgruppe überlegen.

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